Essen/Fitness/Heimat

(Sibirisch kalter) Heimatbesuch

-11 Grad Celsius! Pah, für eine Zuagroaste ist das ein „Walk in the Park“ – zumindest habe ich das heute lauthals an dem Frühstückstisch meiner Eltern verkündet. In Laufsachen gekleidet und nur einen Kaffee schlürfend (ja, ich habe Croissants, Brötchen und frischen Aufschnitt sowie Käse verschmäht) gab ich meine übliche Fitness-Leier zum besten: „Das Wochenende ist zum Sporteln da. Nein, zum Laufen ist es nie zu kalt. Man kann nur zu kalt angezogen sein.“ Blibb, blabb, blubb.

Eine halbe Stunde später, mit Laufschuhen an den Füßen und der Jetzt-Zeige-Ich-Es-Den-Daheimgebliebenen-Motivation bin ich gen Mulde, der Fluss, der durch Grimma fließt, aufgebrochen. Und so hat sich das angefühlt:

Minute 1-4: Mhm, ganz schön kalt. Dann werde ich wohl schneller laufen müssen. Sonst erfrier‘ ich.

Minute 5-6: Soooonne! Wo bist du? Du musst mich wärmen! Zeig, dich, sonst erfrier‘ ich.

Minute 7-12: Scheiße! Kopfsteinpfalster und Schnee = Scheißkombi. Wie Glatteis. Hilfe, und langsam werden auch noch die Beine kalt. Schneller laufen? Aber dann werde ich die Runde nicht durchhalten. Aber es ist sooo kalt!

Minute 13-15: Mein Dad steht mit dicker Winterjacke und ner Tasse warmen Kaffee vor dem Laden. Besorgt fragt er mich, ob es wirklich nicht zu kalt sei. Ich verneine, setze mein größtes Grinsen auf, das auf der Stelle gefriert. Ich muss mit Grimasse weiterlaufen.

Minute 16-28: Es geht durch den Wald. Kein einziger Sonnenstrahl. Meine Haare sind gefroren. Selbst meine Wimpern haben eine weiße Eisschicht. Ich überlege, meine Mom anzurufen, damit sie mich abholt. Aber mein Stolz verneint. Das aufgesetzte Grinsen wird zu einem fiesen Blick mit zusammengekniffenen Lippen. Zumindest wird’s so im Mund nicht kalt.

Foto 4-2


Minute 29-30: Fotopause. Meine Beine fühle ich schon lange nicht mehr. Meine Hände auch nicht. Aber wer in München lebt, braucht ja auch keine Handschuhe beim Laufen – zumindest, wenn man sich im warmen Osten rumtreibt. Am liebsten würde ich mich und meine Arroganz auf der Stelle verfluchen. Aber ich muss weiterlaufen…. sonst friere ich noch fest.


Foto 5-2

Minute 31-40: Depp. Blödmann. Idiotin. Unbelehrbare. Astl. Flachgeist. Arschgesicht. Hohlbratze. Waldwichtel. Mongo. Selbstbeleidigung ist die neue Art des Mantras. Sie pasen zum Takt des Eisbein-Laufs. Kack. Klock. Klack. Klock.

Minute 41- 49: Ampel. Bahnübergang. Jeder Stopp ist ein Wirrwarr für den Körper. Ist es jetzt windig, oder nicht? Wird der Körper geschüttelt oder nicht? Müssen die Muskeln arbeiten oder können sie chillen? Der erste Krampf in der Wade kündigt sich an. „Positiv denken“ lautet das neue Mantra. Es hält genau 10 Wiederholungen an.

Minute 50-58: Der letzte Berg. Noch 400 Meter auf der Hauptstraße entlang. Und dann links in die Nebenstraße. Bloß aufpassen. Kleine Schritte. Und ich merke: Ich habe die Kontrolle über die Beine verloren.

Im elterlichen Haus angekommen, erklingt eine Stimme aus der Küche: „Wird Zeit, dass du da bist. Oder muss ich alle Plätzchen alleine backen?“ Noch kann ich nicht antworten. Die Kälte hat meine Schlagfertigkeit lahm gelegt. Schade eigentlich. Dabei hatte ich wirklich geglaubt, dass ich schon so viel von den Bayern gelernt hab… aber selbst am, beim und mit’m Wetter scheint’s zu gescheit zu scheitern. Wird Zeit, dass ich wieder heim komm‘.

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